Die systemische Therapie basiert auf einem interaktiven, beziehungsorientierten Ansatz, der durch Dialog, Reflexion und Perspektivwechsel Veränderungsprozesse ermöglicht. Doch kann sie auch online effektiv sein, wenn Therapeut und Klient sich nicht physisch im selben Raum befinden? Empirische Forschung und klinische Erfahrungen deuten darauf hin, dass digitale Therapieformate nicht nur praktikabel, sondern auch hochwirksam sind – insbesondere, wenn sie gezielt durch methodische und technische Hilfsmittel unterstützt werden.
Die Verlagerung von Therapiesitzungen in den digitalen Raum war zunächst eine pragmatische Antwort auf die COVID-19-Pandemie. Viele Therapeuten und Klienten standen vor der Wahl, ihre Sitzungen abzusagen oder auf virtuelle Formate umzusteigen. Was anfangs als Notlösung galt, hat sich mittlerweile als feste Alternative etabliert. Besonders in Zeiten eines zunehmenden Mangels an Therapieplätzen ermöglicht die Online-Therapie einen besseren Zugang zu professioneller Unterstützung, unabhängig von regionalen Einschränkungen.
Metaanalysen zur Wirksamkeit psychotherapeutischer Interventionen zeigen, dass Online-Therapie in vielen Bereichen vergleichbare Effekte erzielt wie Präsenztherapie (Barak et al., 2008; Andersson et al., 2014). Dies gilt insbesondere für systemische Therapieansätze, die auf Interaktion und Kontextsensibilität beruhen. Eine entscheidende Rolle spielen dabei folgende Wirkfaktoren:
Therapeutische Allianz: Studien belegen, dass eine starke therapeutische Beziehung auch im digitalen Raum aufgebaut werden kann (Simpson & Reid, 2014). Ein klarer Rahmen und ein strukturierter Sitzungsablauf fördern dieses Vertrauensverhältnis.
Technische Adaptation: Der gezielte Einsatz digitaler Werkzeuge verstärkt die Effektivität systemischer Methoden, indem er visuelle und interaktive Elemente in den therapeutischen Prozess integriert (Wiederhold, 2020).
Kontextuelle Einbindung: Online-Therapie ermöglicht es Klient*innen, innerhalb ihres realen Umfelds an Problemstellungen zu arbeiten, was die Generalisierbarkeit und Nachhaltigkeit der Interventionen erhöht (Knaevelsrud & Maercker, 2007).
Systemische Methoden setzen auf Visualisierung, Externalisierung und Ressourcenaktivierung. Diese Ansätze lassen sich durch digitale Hilfsmittel sinnvoll ergänzen:
Dokumentenkamera: Unterstützt die Arbeit mit Genogrammen, Skizzen und systemischen Aufstellungen in Echtzeit, wodurch Familien- und Beziehungsmuster anschaulich dargestellt werden können. Digitales Systembrett: Ermöglicht die flexible
Modellierung von sozialen Konstellationen, was zu tieferen Erkenntnissen über Beziehungsdynamiken führt.
Interaktive Whiteboards: Fördern kollaborative Reflexionsprozesse, indem Mindmaps, Strukturanalysen und visuelle Narrative genutzt werden.
Geführte Imaginationen und Körperübungen: Unterstützen den Zugang zu unbewussten Ressourcen und fördern eine ganzheitliche Verarbeitung.
- Nebenpraktischen Vorteilen wie Zeitersparnis und Ortsunabhängigkeit bietet die systemische Onlinetherapie weitere spezifische Nutzen:
- Erhöhte Verfügbarkeit und Flexibilität: Klient*innen können ohne geografische Einschränkungen therapeutische Unterstützung erhalten – ein entscheidender Vorteil angesichts des Therapieplatzmangels.
- Integration des realen Lebenskontexts: Durch die Therapie im eigenen Umfeld können Veränderungen direkt in den Alltag übertragen werden.
- Förderung eigenverantwortlicher Reflexion: Digitale Methoden regen eine aktive Auseinandersetzung mit Themen an und steigern die Selbstwirksamkeit.
- Möglichkeit zur anonymen Unterstützung: Besonders für Personen mit hohen Hemmschwellen kann Online-Therapie einen niedrigschwelligen Zugang zur Unterstützung bieten.
Trotz der vielen Vorteile gibt es Herausforderungen, die aktiv adressiert werden müssen:
Eingeschränkte Wahrnehmung nonverbaler Signale: Ein bewusst geschulter Blick auf Tonlage, Sprechweise und Körpersprache kann diesen Nachteil ausgleichen.
Technische Barrieren: Eine stabile Internetverbindung und benutzerfreundliche Plattformen sind essenziell für eine reibungslose Sitzungsgestaltung.
Schaffung eines geschützten therapeutischen Raums: Klient*innen sollten über Strategien zur Sicherstellung ihrer Privatsphäre informiert werden.
Systemische Onlinetherapie ist nicht nur eine Notlösung, sondern eine eigenständige und wirkungsvolle Therapieform. Die pandemiebedingte Umstellung hat gezeigt, dass therapeutische Präsenz nicht an physische Nähe gebunden ist – vielmehr liegt sie in der Qualität der Beziehung, der methodischen Klarheit und der kreativen Nutzung technologischer Möglichkeiten. Gerade in Zeiten begrenzter Therapieplätze bietet die digitale Therapie eine wertvolle Alternative, um psychische Unterstützung für mehr Menschen zugänglich zu machen.
Literaturverweise:
Andersson,G., et al. (2014). "Internet-delivered psychological treatments: A review." Annual Review of Clinical Psychology, 10, 279-305.
Barak, A., et al. (2008). "A comprehensive reviewand a meta-analysis of the effectiveness of internet-based psychotherapeuticinterventions." Journal of Technology in Human Services, 26(2-4), 109-160.
Knaevelsrud, C., & Maercker, A. (2007)."Internet-based treatment for PTSD reduces distress and facilitates thedevelopment of a strong therapeutic alliance: A randomized controlled clinicaltrial." BMC Psychiatry, 7(1), 1-10.
Simpson, S., & Reid, C. (2014). "Therapeuticalliance in videoconferencing psychotherapy: A review." Australian Journalof Rural Health, 22(6), 280-299.
Wiederhold, B. K. (2020). "The role of digitaltools in psychotherapy: Advantages and challenges." Cyberpsychology, Behavior, andSocial Networking, 23(2), 77-78.